20 Grad, Sonnenschein und ein Berg voller Besucher – wie sollen wir nur die 50 Personen Regel einhalten?

Das ging mir am Freitag, 13. März durch den Kopf, nachdem ich den Beschluss des Bundesrates mitbekommen habe. Trotz all den vorbereiteten und aufgezeichneten Szenarien war mir an meinem freien Samstag klar, dass wir nach dem Wochenende noch so einiges überarbeiten müssen. Das Wochenende war aber vorbei, als das Display den Anruf des Chefs anzeigte. Mein erster Gedanke: „uh da ist etwas nicht ganz so gut“. Mein Instinkt war richtig. Hans teilte mit, dass die Gurtenbahn heute ab 18.00 Uhr den Betrieb bis auf Weiteres einstellen muss. Der neue Beschluss des Bundesrates verbietet den Betrieb von touristischen Bahnen während der Covid-19 Krise. Da war es vorbei mit meinem geruhsamen freien Tag. In knapp 16 Stunden findet der ausgebuchte Brunch statt. 550 Gästen innert 7 Stunden absagen und die Mitarbeitenden müssen auch noch informiert werden. Grossartig. Ein riesiger Aufwand und null Ertrag. Da schmerzt das Unternehmerherz!

So viele übrige Ressourcen
Mit der Absage und Erstinformation an die Mitarbeitenden war die Arbeit noch lange nicht erledigt. Es gab noch etliche Aufgaben zu koordinieren, welche die abrupte Schliessung mit sich brachte. Es ist ein wunderschöner Frühling, alle Brunchs waren ausgebucht. Somit waren auch die Lager voller Lebensmittel. Bereits am Samstag haben wir diese nach lager- und tiefkühlbar sortiert. Was passiert mit all den übrigen frischen Lebensmitteln? Wegwerfen? Kompostieren? Schweinenahrung? Natürlich nicht. Einstimmig haben wir uns für eine Spende entschieden. Mit der Organisation frischerfritz.ch fanden wir auch den passenden Partner. Dieser rettet einwandfreie Nahrungsmittel vor der unnötigen Entsorgung und bringt es an den Konsumenten. Ein tolles Foodwaste-Konzept.

Die Nahrungsmittel sind nun untergekommen, doch was passiert mit all unseren Service-, Küchen- und Reinigungskräften? Von einem auf den anderen Tag hat der Gurten – Park im Grünen keine Arbeit mehr für sie. Mit der Migros haben wir glücklicherweise ein starkes Mutterunternehmen hinter uns und wir konnten alle Mitarbeitenden nahtlos weiterbeschäftigen. Nahezu alle unsere Gurten-Mitarbeitenden können nun die Migros Supermarktfilialen unterstützen. Zum Nachteil unserer abschliessenden Gastronomie-Lernenden sind alle Gastronomiebetriebe geschlossen. So konnten wir keine Umplatzierung finden, welche sich optimal für die bevorstehenden Abschlussprüfungen gestaltet hätte. Nun arbeitet unsere Service-Lernende wie die anderen Gurten-Mitarbeitenden in den Supermärkten und erhält ein persönliches Coaching der Lehrlingsbetreuerin. Der Küchen-Lernende arbeitet zurzeit im Spital Burgdorf unter der Leitung eines ehemaligen Lehrlings des Gurten – Park im Grünen. Schön wie wir in Krisenzeiten einander zur Seite stehen. Für die Wiedereröffnung berechnen wir ca. 48 Stunden Vorlaufzeit, um die benötigten Ressourcen bereitzustellen. In der jetzigen Situation gehen wir nicht davon aus, dass wir sofort auf Vollbetrieb zurückkehren können und bereiten uns somit auf ein Softopening vor.

Sorgen über Sorgen
Am meisten Sorgen an der Covid-19 Krise bereitet mir die Schliessdauer der Restaurationsbetriebe. Es ist diese wehrlose Situation, in welcher wir nur Vorankommen, wenn wir zu Hause isoliert bleiben. Trotz des riesigen Ansturmes in den Supermärkten zu Beginn der Krise ist uns allen bewusst, dass diese nicht ewig anhalten wird. Was dann? Zurzeit ist das wirklich schwierig abzuschätzen.
Zwischenbilanz der Krise: Falls wir Mitte Mai schrittweise öffnen dürfen, werden wir bereits mehr als drei Millionen Umsatz verloren haben. Zahlen, die mir richtig weh tun. Um etwas Schönes zur Krise zu sagen: Neben meiner Arbeitstätigkeit habe ich nun wieder sehr viel Zeit zum Kochen, wie zum Beispiel selbstgemachter Sauerteig, hausgemachte Ravioli und Nudeln, und noch vieles mehr. Oder ich begeben mich unter Einhaltung der Social-Distancing-Regel draussen an die Sonne und sammle Bärlauch wie ein Verrückter. Leider hat sich mein regelmässiger und länger andauernder Aufenthalt in der Küche auch schon auf der Waage zu zeigen begonnen...

08.04.2020, Patrick Vogel, Leiter F&B aka "Chef der Töpfe"