Tagebuch eines Bähnlers

Die jährliche Revision der Gurtenbahn war kaum abgeschlossen, als langsam spürbar wurde, dass das Coronavirus nicht an der Schweizer Grenze stoppen wird. Hier ein paar Einblicke in die vergangenen Tage und in den heutigen Alltag der Gurtenbahn.

Samstag 14. März 2020
Ein sehr unruhiger Tag. Heute ist durch den Bundesrat bekannt gegeben worden, dass die touristischen Bahnen den Betrieb auf Weiteres einstellen müssen. Während der ständigen Kommunikation mit der Geschäftsleitung und dem stündlichen Update der Medien beobachtete ich kritisch den Bahnbetrieb. Mir fiel auf, dass sich unsere Gäste anders als gewohnt verhalten. Sie haben mehr Abstand zu den anderen Gästen und die Ticketkontrolle gestaltet sich schwierig, da die Fahrgäste ihre Tickets nicht aus der Hand geben wollten. Wir verkaufen neben den vielen kontaktlosen digitalen Billettvarianten auch hauseigene Papiertickets, wie z.B. die Mehrfahrtenkarte für die Downhillbiker, die vor jeder Fahrt abgestempelt werden müssen.
Als wir um 20.00 anstatt 23.45 Uhr die letzte Talfahrt durchführten, war die Stimmung beim Gurtenbahn-Personal sehr betrübt. Niemand konnte das zu frühe Abschliessen der Talstation richtig einordnen. «Soll ich jetzt wirklich nach Hause gehen?», fragte mich ein Mitarbeiter.

Sonntag 15. März 2020
Ich fuhr wie gewohnt mit meinem Auto nach Wabern und bemerkte keine Änderung. Es war nichts anders als an einem normalen Sonntagmorgen. Wenig Verkehr, keine Fussgänger oder Velos unterwegs, doch als ich die Strasse zum Gurtenbahn-Parkhaus hochfuhr, holte mich die Realität wieder ein, als ich ein komplett leeres Parking vorfand. Der Vorplatz der Talstation war vollkommen leer und in der Station war die Beleuchtung ausgeschaltet.
Ich schlenderte vom Parkhaus zur Talstation, schloss die Türe auf, setzte mich in der Wagenhalle hin und liess es fünf Minuten auf mich wirken. Das Rolltor war geschlossen, die Bahn stand in der Station und es herrschte Stille. Ich dachte mir, in 30 Minuten würden normalerweise die ersten Passagiere zum Brunch auf den Gurten hochfahren. Stattdessen hörte ich nur den Wagenkompressor einschalten.

Seither – mein blutiges Herz
Seit dem Entscheid, dem Coronavirus mit verschiedenen Massnahmen aktiv entgegenzuwirken, steht die Standseilbahn still. Als Leiter Technik habe ich ein blutiges Herz, die Bahn ohne Bewegung zu sehen. Neben den betriebswirtschaftlichen Ausfällen fehlt das Drehen der Antriebsscheiben und die Geräusche der Bahn, die nur ein «Gurtenbähnler» kennt und korrekt deuten kann. Diese Geräusche sind für mich so selbstverständlich wie für einen Koch das Brutzeln in der Pfanne.
Auch wenn alle Mitarbeitenden irgendwie anders betroffen sind, gibt es einen gemeinsamen Nenner: die Gurtenbahn steht still. Die Mitarbeitenden sind zu Hause und kommen nur vereinzelt auf den Gurten, um anstehende Unterhaltsarbeiten wie die Seilpflege, Gleisarbeiten und Zaunreparaturen durchzuführen – im Moment leider mit dem Auto. Es gibt Arbeiten an der Standseilbahn, die man vorziehen kann oder sobald es den ersten Regen gibt, muss das Gras der Gurtenbahn und auch der Rodelbahn gemäht werden. Doch auch der Regen blieb lange Zeit aus. Das Technik-Team führt regelmässige Wartungsarbeiten aus und die Fahrdienstmitarbeitenden hegen und pflegen die Bahn mit viel Selbstverständnis und Gespür.

Ein weiterer Grund regelmässig zur Bergstation zu gehen ist «Lise». Die Mitarbeitenden pflegen und füttern das zugelaufene Büsi seit Jahren. Dieses Sozialprojekt läuft auch, wenn sonst alles stillsteht. Gemäss den neusten Informationen des Bundesrates bleiben unsere Mitarbeitenden noch länger zu Hause. Die Bahn halten wir aber bereit und warten startklar und sehnsüchtig auf das «go»!

12.05.2020, Raphael Matter, Leiter Technik Gurtenbahn Bern AG