Hans Traffelet über die Situation auf dem Gurten

WABERN – Auf dem Gurten war es still in den letzten Monaten: Die Bahn fuhr nicht, die Restaurants waren geschlossen, das «Gurtenfestival» und das «Gurtentheater» mussten abgesagt werden. Stattdessen mehr Spaziergänger und Sportler, die sich auf dem Hausberg tummeln. Nun ist der Gurten wieder zum Leben erwacht, aber noch ist nicht alles wie vorher.

Den 28. Februar wird Hans Traffelet nicht so schnell vergessen. An diesem Freitag sass er mit Bobby Bähler und Simon Haldemann, den Organisatoren des «Gurtenfestivals», zusammen beim Mittagessen. Es war der Tag, an dem der Bundesrat verkündete, dass Veranstaltungen nur noch mit maximal 1000 Leuten und gewissen Einschränkungen stattfinden dürfen. «Da wurde mir bewusst, dass dieser Entscheid Auswirkungen auf uns haben wird. Die anderen beiden waren entspannter und meinten, zum Glück kam diese Entscheidung im Februar und nicht im Mai, wenn die Vorbereitungen für das Festival schon im Endstadium gewesen wären», erzählt der Geschäftsführer des «Gurten - Park im Grünen». Gemeinsam mit seinem Team plante er Szenarien für «gute, mittlere und schlechte Situationen». Das erste Mal in seiner 30-jährigen Karriere als Wirt sei jedes eingetroffene Ergebnis schlimmer gewesen als im schlechtesten Szenario ausgemalt. «Wir konnten uns nicht vorstellen, dass es einen Lockdown geben würde, dass wir für 3 Monate schliessen müssen, und erst recht nicht, was es für tiefe Spuren hinterlassen würde», sagt Traffelet.

Das Team
Den Mitarbeitenden sei relativ schnell die Decke auf den Kopf gefallen: «Wir haben am Samstag zugemacht und schon am Mittwoch kamen die ersten Anrufe. Ob wir keine Aufgaben hätten, egal ob jäten, malen oder putzen.» Im Winter arbeiten 50 Festangestellte plus genauso viele Aushilfen auf dem Berner Hausberg, im Sommer sind es 120 im Verhältnis 50:50. «Glücklicherweise konnten alle bei der Migros im Supermarkt aushelfen. Teilweise mussten wir dann ab Mai Kurzarbeit anmelden, weil die Eintrittskontrollen in den Einkaufsläden, die unsere Mitarbeitenden vorher übernommen hatten, automatisiert wurden, weniger Leute krank waren und daher weniger gebraucht wurden», führt Hans Traffelet weiter aus. Seit der Wiedereröffnung am 6. Juni versucht er, alle Angestellten zu beschäftigen, nur im Bereich Bankett sei es schwierig: «Da ist das Team noch nicht ausgelastet, da die Buchungszahlen viel tiefer als üblich sind.» Einen positiven Punkt findet der Gastwirt dennoch: Der Zusammenhalt sei noch besser geworden. So versuchte Hans Traffelet, mit seinen Mitarbeitenden Kontakt zu halten, und suchte dabei neue Kommunikationsmethoden: «Der Aufwand war zwar gross, aber das Team schätzt dies sehr.» So wurde extra eine «Gurten Schokolade» für die Angestellten produziert. «Es sollte etwas Süsses, Warmes, Genussvolles sein, damit sie spüren, es kümmert sich jemand.» Zu seiner Freude kümmerte sich auch die Könizer Gemeindepräsidentin Annemarie Berlinger-Staub und rief ihn zweimal an, um sich zu erkundigen, wie es dem Gurten gehe, ob man etwas bräuchte.

Firmenabsagen
Inzwischen entwickelt sich das Geschäft mit den Einzelkunden gut. «Unser Pluspunkt ist, dass man bei uns draussen und damit der Natur nah sein kann. Das, was empfohlen wird. Die Ausflügler kommen, der Spielplatz wird rege genutzt», freut sich  der «Mr. Gurten», der am 1. Juli seine 21-jährige Betriebszugehörigkeit feiern konnte. «Sorgen bereitet uns, dass alle Firmen, die Events geplant hatten, diese abgesagt haben oder die Strategie verfolgen, keine grösseren Gruppen zusammenzubringen.» Es sei schwer abzuschätzen, welche Folgen der Wirtschaftsabschwung hat und «welche KMU sich noch Veranstaltungen leisten können und wollen». Das Team des «Gurten - Park im Grünen» ist intensiv am Überlegen, was man in Zukunft anbieten kann, um einen Aufschwung herbeizuführen.

Erholung für die Wiese
«Ich bin froh, dass uns die ‹Migros Aare› unterstützt hat. Wir konnten auf ihr Schutzkonzept und ihre Erfahrung im Umgang mit Risikogruppen zurückgreifen. Es war wie ein ‹Crashkurs›. Glücklicherweise gehören wir  zu einem grossen Konzern mit viel Fachwissen», ist Traffelet dankbar. Man hätte ein solches Konzept nicht allein entwickeln können. Aus Sicherheitsgründen werden bis September keine grösseren Events stattfinden, aber Anfragen für die Nutzung der Wiese gäbe es schon. «Wir sind da sehr vorsichtig. Wir können nicht einerseits alles absagen aufgrund zu vieler Leute und dann andererseits Alternativen bieten. Wir haben zum Beispiel eine lange, gute Zusammenarbeit mit dem ‹Gurtenfestival›und sind ihnen als Mietern sehr verbunden. Das heisst, wenn was gemacht wird, dann darf es keine Konkurrenz dazu sein», meint der Geschäftsführer. Es sei aber auch eine einmalige Situation, dass die Wiese den ganzen Sommer für jeden nutzbar ist. Ganz nach dem Motto vom «Gurten - Park im Grünen» oder «Gurten für alle». Ausserdem tue es dem Rasen auch einmal ganz gut, sich zu erholen.

Brunchen auf dem Gurten
Beim Brunch-Angebot ist die Nachfrage gleich hoch wie vorher, sehr zur Freude von Traffelet:«Man merkt, dass die Menschen Interesse und Lust daran haben, rauszugehen. Sie wünschen sich eine Rückkehr zur Normalität, das  ist  spürbar.»  Auch  der am 11. Juli zum 1. Mal wieder durchgeführte Yogabrunch war ausgebucht. Alles, was draussen stattfinden kann, ist wieder geplant.  Noch  nicht  sicher  ist die Durchführung der «Spezialsonntage», wie zum Beispiel das Herbstfest. «Kleine, individuelle Sachen laufen gut, bei grösseren ist es so, dass schon 2,3 kritische Stimmen ausreichen, damit die Durchführung verworfen wird», schildert Hans Traffelet seine Beobachtungen. Allgemein sei es so, dass die Menschen vorsichtiger sind, sobald es enger wird oder sie durch eine Tür laufen müssen.

«Highland Burger»
Daher hat das «Bahnhöfli» eine neue Funktion übernommen. Dort in der Lounge ist man an der frischen Luft, sitzt weniger eng aufeinander und die Besucher sind daher viel entspannter. Der Stand war ab dem 11. Mai für diejenigen geöffnet, die hoch laufen. (Die «Gurtenbahn» nahm am 8. Juni wieder den Betrieb auf.) «Das sind deutlich mehr als vorher. Es gibt welche, die laufen nun 2 bis 3 Mal die Woche auf den Gurten, was sie vorher nicht gemacht haben. Unser Marketingleiter kommt jetzt mit dem Velo zur Arbeit, früher fuhr er nur an seinem freien Tag hoch», erläutert er, Der «Imbiss» lief wie «verrückt», vor allem die neuen Burger mit dem Fleisch der Highland-Rinder, die auf dem Gurten gezüchtet werden. «Der ‹Eventhof› konnte sein Fleisch in der Zeit auch nicht wie gewohnt loswerden, daher haben wir es ihm abgekauft», so Traffelet weiter.

Wie weiter?
In einem Workshop schaute man sich die Krisen der vergangenen Jahrhunderte an und stellte fest, dass sie alle etwas gemeinsam hatten: War die eigentliche Ursache beendet, ging es noch länger bergab, bis die Talsohle erreicht war. Erst dann beginnt der Aufschwung. Es gab Zeitachsen dafür. «Daher wird es meiner Meinung nach auch nächstes Jahr noch ganz schwierig. Wir sind auf der Suche nach ‹Outdoor-Ideen›. Denn wir müssen den Menschen etwas bieten. Aber die Wiese wollen wir trotzdem Wiese sein lassen und nicht zu viel eingreifen», so der Geschäftsführer. Noch gibt es keine Planung für 2021, denn viele Anlässe wurden abgesagt und sind jetzt ab September auf Standby. «Wenn diese stattfinden, dann ist die Talsohle erreicht und es geht aufwärts. Wenn nicht, dann wird es besorgniserregend», zeigt sich Traffelet nachdenklich.

Kirstin Burr, Könizer Zeitung | Der Sensetaler, Ausgabe Juli 2020