Was passiert mit meiner Lehrabschlussprüfung?

Ich wusste bereits bevor ich die Lehre begann, dass ich nicht immer auf dem Beruf arbeiten werde, denn ich und mein Bruder werden die Familienmetzgerei Nussbaum in Wichtrach übernehmen. Eine Ausbildung im Gastrobereich war für mich dennoch klar. Diese Erfahrungen und das Wissen muss ich mir zuerst ausserhalb unseres Familienbetriebes holen. Bereits zu Beginn der Lehre im Jahr 2017 habe ich mit grosser Zuversicht auf den Sommer 2020 hingearbeitet. Im Sommer 2020 bin ich dann endlich gelernte Restaurationsfachfrau, welche Freude.

3 Jahre Vorbereitung und nun das!
Die ganzen drei Jahren habe ich gute Leistung in der Schule hervorgebracht. Ich wusste, dass die Notenvorschläge an der Lehrabschlussprüfung zählen werden. Falls mir dort etwas misslingt, werde ich trotz meinen vorgängigen guten Noten bestehen. Meine Berufsbildnerin Natacha hat mich in dieser Zeit sehr gut unterstützt und regelmässige Prüfungsvorbereitungen mit mir durchgeführt. So wollten wir im März einen Prüfungsdurchgang simulieren – wenn dann nicht der Lockdown gekommen wäre. Diese Simulation haben wir nun auf Ende April verschoben. Es ist schlicht unmöglich im Service Social Distancing einhalten zu können. Vielleicht tragen wir einen Mundschutz für die Prüfung, aber im Alltag ist dies irgendwie unvorstellbar. Selbst wie die Abschlussprüfung stattfindet, erfahren wir erst im Verlauf der nächsten Woche.

Die Berufsschule findet nun nur noch über Microsoft Teams statt. Frontalunterricht ist abgesagt. Wir bekommen von den Berufsschullehrern grössere Aufträge, die wir Zuhause selbstständig durchführen sollen. Darunter sind Probedurchläufe von alten Lehrabschlussprüfungen. Ich habe versucht, die Prüfungen innerhalb einer Stunde, wie es in Wirklichkeit wäre, durchzuführen. Dennoch spicke ich zwischendurch in den Unterlagen, denn es ist ja niemand da, der mich kontrolliert oder die Zeit stoppt. Wir werden diese schriftlichen Berufskundeprüfung sowieso nicht durchführen. Ich finde das schade. Solche Prüfungen sind allerdings nicht vergleichbar mit echten Alltagskonfrontationen. Aber es ist eine wichtige Lehre im Leben auf einen Moment hinzuarbeiten und in diesem Moment alles zu geben. Auch im Fach Allgemeinbildung finden keine Prüfungen statt, wobei das so nicht ganz stimmt: Wir haben schon länger zu zweit unsere Vertiefungsarbeit «Fasziniert von Geld» abgegeben. Üblicherweise würde man diese Arbeit mit einer Power Point Präsentation vor der Klasse und Experten präsentieren. Nun können wir uns getrennt (versteht sich von selbst) auf Video aufnehmen und mit der Präsentation einsenden. Das Video darf nur zehn Minuten dauern, was zum Thema Geld nicht so einfach ist, da man so viel erzählen könnte. Die Geschichte, die Macht, die Herstellung, usw. von Geld ist wirklich faszinierend.

Diese Woche kommt nun aus, ob wir die Prüfung im ÜK Zentrum GGZ in Bümpliz durchführen oder ob die Lehrlingsbetreuerin uns bewerten wird. Mir spielt es eigentlich keine Rolle, da ich überzeugt bin, dass ich bei beiden Optionen ein gutes Ergebnis erbringen werde. Bei der praktischen Übung wird der Verkauf im Vordergrund stehen, dies ist sowieso meine Lieblingsbeschäftigung bei der Arbeit: Den Gästen eine Empfehlung abgeben, das macht Spass. Welche Einstellung meine Berufsschule-Kollegen haben, weiss ich nicht. Nur dass es für alle nach der Lehre schwierig wird, eine Festanstellung zu finden. Doch wenn der Lockdown erst mal kein Thema mehr ist, werden sie bestimmt über Coople oder andere Plattformen eine temporäre Arbeit finden. Ich selbst werde nicht auf dem Beruf arbeiten. Die Ausbildung zur Fleischfachfrau Veredelung Feinkost werde ich ab August bei der Metzgerei Wüthrich in Ostermundigen beginnen. Nach dieser verkürzten Lehre und noch weiteren Weiterbildungen, welche ich noch plane, werde ich genügend Erfahrung haben, um endlich den Familienbetrieb richtig zu unterstützen. Eigentlich benötigt meine Familie gerade jetzt Unterstützung, denn es ergeht ihnen wie den Bio-Bauern: Sie haben viel mehr Kundschaft als sonst. Es ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die Menschen sich untereinander mehr vertrauen und wieder mehr wertschätzen. Das ist wunderschön und ich hoffe, dass dies beständig ist. So bin ich aufgezogen worden, darum komme ich mit der jetzigen Situation auch gut zurecht.

Lernt zu arbeiten oder geht unter
Zurzeit arbeite ich in einer Migros-Filiale, 20 Minuten von mir zu Hause entfernt: Ich arbeite mehr als sonst, es ist eine andere Arbeit als sonst, es handelt sich um ein anderes Umfeld als sonst, aber es gefällt mir gut. Es ist eine neue Erfahrung. Diese Arbeit könnte ich auch noch für ein bis zwei Jahre machen. Ich bin froh, kann ich andere unterstützen. Innerhalb der Migros Aare gibt es viele Mitarbeitende, die aktuell nicht ihrer eigenen Beschäftigung nachgehen können und irgendwo aushelfen. So wie ich es höre, macht die momentane Arbeit nicht allen Spass. Ich habe hier jedoch meine klare Meinung dazu: Hört auf zu jammern und lernt zu arbeiten. Trotz der speziellen Umstände geht es uns gut. Wir haben unseren vollen Lohn und auch sonst keine Einschränkungen. Ich werde mir jedenfalls für diese Monate ein Arbeitszeugnis ausstellen lassen. In Zukunft werden die Zahlen auf den Schulzeugnissen immer wie unwichtiger. Die Person, die dahinter steht, ist viel wichtiger. Ich kann mir gut vorstellen, dass man die Zeugnisse der Lehrlingsabgänger 2020 ignoriert und sie direkt zum Probearbeiten einlädt. Darum seid flexibel, passt euch der neuen Situation an oder geht unter.

24.04.2020, Jasmin Nussbaum, Lernende Restaurationsfachfrau 3. Lehrjahr