Ich bin, was ich esse

Meine Vorblogger haben das Einkaufserlebnis, die körperlichen und geschmacklichen Erkenntnisse und die persönlichen Empfindungen bereits sehr präzise geschildert. Im Wesentlichen geht es mir gleich und ich möchte hier schwergewichtig über meine sozialen Erfahrungen mit dem #experimentvegan berichten. Die beste aller Geschäftsleitungen, nämlich jene vom Gurten – Park im Grünen, hat mich im Dezember wiedermal überrascht, als mir an unserem regelmässigen Mittagessen in der Küche vom Gurten mitgeteilt wurde, dass sich 4 von 6 GL-Mitgliedern im Februar vegan ernähren werden. Total überrascht und deshalb auch komplett unüberlegt, habe ich spontan darum gebeten mitmachen zu dürfen. Es wurde mir erlaubt. Drei Personen haben sich auch gleich noch einen alkoholfreien Monat auferlegt. Ich bin froh, dass Patrick da nicht mitgemacht hat, sonst wäre ich alleine gewesen… Als ich am gleichen Abend die Ernährungsumstellung meiner Frau gebeichtet habe, hat sie sich spontan zum Mitmachen entschieden – zu meinem Glück. Dies obschon wir im Februar jeweils mit zwei Familien in die Sportwoche fahren und dort jeden Abend gemeinsam kochen. Merci Ursula.

Go. Gestartet am Samstag, 1. Februar mit einem ans Bett servierten Milchkaffee. Am Freitagabend habe ich vorsorglich einen Liter Sojamilch gekauft, um meine Frau mit der veganen und hoffentlich gleichwertigen Alternative zu überraschen. U.N.T.R.I.N.K.B.A.R. Und so ist es mir mit vielen vorfabrizierten Ersatzprodukten gegangen. Ich habe kein Produkt gefunden, das geschmacklich auch nur in die Nähe des Originals kam. Auch wenn viele die Meinung vertreten, dass es wichtig ist mit veganen (Ersatz-)Produkten möglichst gleich weiter zu essen, teile ich diese Meinung nicht. Zum Glück durften wir am 1. Februar gleich an einer veganen Wohnungseinweihung teilnehmen und würden dort vom Feinsten verwöhnt. Merci Daniela.

Nach 27 Tagen kann ich sagen, dass ich von all den Fakes und Ersatzprodukten genug habe. Die besten Essen waren Risottis, Pasta, Gemüseeintöpfe, spannende Salatkombinationen und als Krönung nach der Ferienwoche mit hochkomplexen asiatischen und indischen Spezialitäten inkl. Kunstkäse, Sojahäcksel und Schoggimousse aus Tofu ein Kartoffelsalat mit langsam geschwellten «Härdöpfeln» vielen Zwiebeln und lauwarm serviert. Göttlich!

Das Mittagessen auf dem Gurten war täglich ein Fest. Jeden Tag hat ein Mitglied der GL für uns gekocht. Die intensiven Gespräche über Essen, Vorlieben und persönliche Erfahrungen werde ich vermissen. Ausserdem war es spannend zu erleben, wie wenig ich die Essensvorlieben von meinen GL-Kollegen kenne. Die «Büromenschen» in der Küche beim «Zmittag kochen» anzutreffen, war für mich und ich glaube für das ganze Gurtenteam eine tolle Erfahrung. Aufmerksamen Lesern ist nicht entgangen, dass das 6. GL-Mitglied auf dem Gurten nicht mitgemacht hat. Diese Person ist absoluter Ernährungs- und Sportfundi und verfolgt seit Jahren eine sehr strenge Ernährungsphilosophie. Oft haben wir darüber gewitzelt, was er alles für Genüsse verpasse und haben mit unserem Verständnis wohl etwas gegeizt. Oli: Einen Monat warst du der Normalo und ich gelobe Besserung, versprochen!

Nicht wirklich toll waren meine Erfahrungen an Aperos oder in Restaurants. Als Unroutinierter, da ich im Normalfall ein Allesesser bin, musste ich schon zünftig über meinen Schatten springen, um meine Extrawurst anzumelden. Die Art und Weise wie in den Restaurants reagiert wurde, war teilweise erschreckend. Hier ein paar «Müsterli»:

  • «Da nehmen sie vom Apero halt was sie können, das «Bitzeli» Mayonnaise an den Gemüsestäbchen ist ja sicher kein Problem.»
  • «Unser Küchenchef lässt ausrichten, dass das Thaicurry vegan ist. Ich (der Kellner) wäre mir da aber nicht so sicher.»
  • «Nein, das gibt’s bei uns nicht.»
  • «Ja gerne, kein Problem. Die Vorspeise ist eh vegan. Für den Hauptgang bereiten wir Ihnen gerne ein spezielles Gericht zu. Haben Sie Vorlieben? Zum Dessert machen wir Ihnen einen Fruchtsalat.»

Die Gewichtung des Willkommenseins entspricht in etwa den vier Voten. Meine kurze nicht repräsentative Marktforschung hat ergeben, dass ca. ¼ der Gastbetriebe Veganer in Küche und Service händeln können. Um die anderen sollen Veganer besser einen grossen Bogen machen. Es war auch extrem spannend die Tischnachbarn bei diesen Gesprächen zu beobachten. Von schadenfreudig bis mitleidig habe ich alles erlebt, aber gleichgültig war niemand. Definitiv lässt dieses Thema niemand kalt und oft hat sich das Tischgespräch den ganzen Abend um Veganismus, Greta und ähnliche Themen gedreht, welche dann oft äusserst kontrovers diskutiert wurden. Als Verursacher und Mittelpunkt dieser Gespräche war es mir ab und an zu viel, immer und immer wieder dieses Experiment zu erklären und die persönlichen Beweggründe zu erläutern.

Nun ist das Ende in Sicht und ich bin sehr froh, dass dies so ist. Gestern in der Nacht habe ich gemeint einen Hauch gegarte Ossobucco mit Cremolata zu riechen. Es war wundervoll. Zurück bleiben einige Erkenntnisse: Die Freude über das gelungene Experiment mit den tollen Mittagessen auf dem Gurten mit meinen Arbeitsgspänli ist riesengross. Das Schwarz-Weiss-Denken, welches oft mit dieser spannenden Ernährungsform einhergeht, verstehe ich nicht, muss ich wohl auch nicht. Tinu: Erinnerst du dich noch an den Aufschrei im Büro als du gedankenlos ein Sugus gegessen hast? Wenig Verständnis habe ich für die Ersatzprodukte, die mittels gigantischer lebensmitteltechnologischer Veränderungen vorgeben, etwas Anderes zu sein. Darauf werde ich weiterhin konsequent verzichten und Susannes hausgemachte vegane Bananencookies vorziehen. Ganz bestimmt werde ich mich in Zukunft intensiver mit der eigenen Ernährung auseinandersetzen. Das hat nämlich im Februar richtig Spass gemacht.

Und ich wünsche unserer Branche Gäste mit einem gewissen Verständnis, dass nicht alles was zu Hause möglich ist, auch von einem Restaurant einfach zu bewerkstelligen ist. Und ich wünsche allen Veganern dienstleistungsbereite Restaurateure mit einer grossen Lust, Gäste zu verwöhnen. Vegan zu kochen ist keine Hexerei. Wir sind alles Glückspilze, dass wir an einem so privilegierten Ort leben dürfen. Da verträgt es ein Monat mit ein paar Entbehrungen bestens. Merci meiner Geschäftsleitung für die tolle Idee. Ich hätte die Energie so etwas durchzuziehen niemals alleine aufgebracht. Und nun mache ich mich auf den Weg meine Ossobucco fürs Wochenende einzukaufen…

 27.02.2020, Hans Traffelet, Geschäftsführer aka «Hüttenwart»

Hans Traffelet, Geschäftsführer